Timo Werner und [leider nicht] der HSV

Vielleicht denkt der eine oder andere jetzt, er kann nicht mehr seine Inhalte trennen, ist völlig im Breitensport untergegangem, flacht als HSVer ab und wird nie wieder so gute Artikel über Newrotic schreiben wie die hier bereits erschienenen…

Vielleicht stimmt das für den Moment sogar, ich will aber trotzdem auf etwas hinweisen, was ich mit Newrotic in Verbindung bringe, was mit einem nun einmal nicht erfolgten Transfers Timo Werners zum HSV zu tun hat: Wenn jemand einen bestimmten Beruf ausübt, der ihm sehr viele Freiheiten gibt, entstehen Zwänge, die sich von außen kaum erkennen lassen, und vielleicht sind diese sogar vertraglicher Natur, bei Werbepartnern zum Beispiel, oder mit Spielern (neben XY werde ich nicht spielen), mit einem Spielsystem („der Führer äh Trainer will das so“), und mit den eigenen engen Grenzen, in denen man Dinge beurteilt. Ich nehme dafür eben das Beispiel Timo Werner und den Kaderplaner Claus Costa vom HSV, bzw. alle Verantwortlichen im Hamburger Sportverein, inkl. Abendblatt und Morgenprost, NDR, Fantransparente und so weiter…

Timo Werner ist unbestritten ein exzellenter Fussballer, was ein im Medienfokus stehender Sport ist, bei dem man in Europa sehr viel Geld verdienen kann, der populäerer ist als Springreiten, Turmspringen, oder als Mannschaftssport Curling oder Rodeln. Er ist ein Geschäft. Spieler müssen in der Saison in England teilweise alle 3 Tage auf einem Platz gegen exzellente andere Mannschaften spielen, und trotz Kadergrößen von 26-30 oder teilweise 34 Spieler spielt meist immer die „erste 11“ oder zumindest einige der beliebtesten und berühmtesten Stars, und auch das hat mit Newrotic zu tun. Denn wer entscheidet, wer ein guter oder ein nicht ganz so guter Spieler ist, wer entscheidet über Beliebtheit und Berühmtheit, über Aussicht auf Titel und Berufung in die Nationalmannschaft? Richtig, die breite Masse des Publikum.

– Timo Werner ist 29 Jahre, d.h. bald 30. –

– Timo Werners Marktwert liegt bei 3 Mio. –

– Timo Werner soll in die MLS wechseln. –

Was sich aus diesen kurzen Sätzen für ein Bild bei jedem Leser ergibt, dass ein Spieler zu alt ist, um noch mit den 23 Jahre alten 30-50 Mio. Talenten mitzuhalten, er sei über den Zenit, und nur noch etwas für die Altherrenliga, wo die Altstars von gestern noch mal ihren Starnahmen sich versilbern lassen. Wer jetzt mit der Diktatur des Relativismus argumentieren möchte, sagt besserwisserisch, die MLS ist ebenfalls in den letzten Jahren eine starke Fussballliga und anspruchsvoller geworden und genau das richtige für einen früheren Weltklassefussballer wie Timo Werner.

Bei all dem spricht der Zynismus mit, Unkenntnis über Ist-Situation im Verein Rsaneballsport Leipzig, Ist-Sitaution des Spielers, ohne Berücksichtigung der Historie des Spielers und der zwei unterschiedlichen Ligen, in denen er in 12 sehr erfolgreichen Profijahren spielte, wovon zugegeben, das letzte Jahr wahrscheinlich zum Abhaken war, hätte sich ein anderer Bundesligaverein gefunden. So wurde es ein Melodram im Sportlermillieu, das man in den USA verfilmen würde, in Deutschland findet es nicht einmal Beachtung.

Timo Werner ist der jüngste Doppeltorschütze der Bundelsigageschichte, hält noch weitere Rekorde beim VFB Stuttgart, wechselte zum Verein RB Leipzig, um vor einem nachzuholenden Championsleague-Finale in die Premier League zum FC Chelsea zu wechseln, gewann dort dann aber eben diese Trophäe als Startspieler, wechselte anschließend für einen ähnlich hohen Betrag zurück zu RB Leipzig, wo er noch zwei gute Saisons spielte und dazwischen bei Tottenham erneut einen Start in der Premier League zu versuchen. Der Spieler wechselte zwischen RB Leipzig und Premier Leugue die Position, vom Sturmzentrum auf den Flügel, um mit dem Ball am Fuß über links gefährlich in den Strafraum zu ziehen.

Der Spieler Timo Werner hatte einen auslaufenden Vertrag zum Saisonende, sollte partout keinen Anschlussvertrag mehr bei RB Leipzig erhalten, weshalb es die Ansage von Oben gab, ihn nicht mehr in der Hinrunde aufzustellen. In 4 Partien wurde er insgesamt für weniger als 15 Minuten eingwechselt, darunter absolute Kurzeinsätze, damit sein Name auf dem Spielberichtbogen steht. Hat man sich bei RB Leipzig das so einfach überlegt, den Spieler innerhalb der Bundesliga auf diese Weise zu vermitteln, fiel es jedem in Frage kommenden Verein schwer, dies entweder richtig einzuschätzen, oder wie beim HSV, die „Besserwessis“ von der Elbe wollten lieber ein unverbrauchtes neues Spielergesicht zur Rückrunde präsentieren, als einen gestandenen Bundesligaprofi, dem der Sprung an die absolute Weltspitze zweimal nicht glückte.

Sagen wir es mal so: Timo Werner gehört in der Bundesliga zum absoluten Nonplusultra, vielleicht haben nur Bayern und Frankfurt bessere Flügelspieler, selbst Dortmud spielt derzeit ein 3-4-3, bei Frankfurt spielt den Part Mario Götze, und der ist 33 Jahre, und Fussballweltmeister (der mit dem Siegtor im Finale 2014, vielleicht erinnern sie sich noch…!).

Die Bundesliga ist in dieser Saison überaschend ausgewogen, die größte Überaschung ist die TSG aus Hoffenheim, und Union Berlin hat mit dem ehem. HSV-Trainer Steffen Baumgart ihgren alten Mannschaftskapitän als Trainer wieder… Wo ist jetzt das Problem, Timo Werner einen Vertrag über 2,5 Jahre mit einem Jahresgehalt von 4 Mio. Euro anzubieten, was auf etwa 10 Mio. Euro hinausläuft, bei 3 Jahren wären es 12 Mio, wenn RB Leipzig auf weitere Ablöse verzichtet?

Wieso sind Verwantwortliche beim HSV nicht in der Lage, einen solchen Transfer zu tätigen? Wovor hatten die Angst? Haben die wirklich gedacht, der ist nicht so gut? Der ist zu alt? Der ist zu langsam? Es gibt einen Grund, warum der Trainer den nicht aufstellt? Zugegeben, es kann sein, dass Herr Werner ein Geschäftsmann ist, und sein Geld nicht nur gerne mit Fussballspielen verdient, sondern auch sich die Angebote anschaut und in der Vergangenheit auch Verträge zu seinen Gunsten verhandelt hat. Aus sportlicher Sicht muss mir das jedenfalls jemand erklären. Wieso hat ein Stürmer, der weiterhin das Zeug hat, auch noch mal in die Nationalmannschaft berufen zu werden (evtl aber nicht, wenn er beim HSV spielt), keinen Anschlussverein in einer europäischen Liga gefunden, vornehmlich in der Deutschen 1. Bundesliga?

Versetzen wir uns in die Lage eines Sportdirektors. Er muss einen Stürmer verpflichten, und er befürchtet, der Verein könnte eine schlechte Rückserie spielen und durch sportlichen Misserfolg er selber in die Kritik geraten. Er greift wie in einem Spieltheorieprinzip auf eine Lösung bzw. auf einen Stürmer bei der Verpflichtung zurück, bei dem er weniger Kritik erwartet, weil dieser entweder im Gehalt günstiger ist, oder aber auf einen Stürmer, der woanders ebenfalls schon im Gespräch ist, und er so hofft, einen guten Fisch einem anderen Verein wegzuschnappen. Er entscheidet sich somit für eine Lösung, die aus seiner Sicht ein geringeres Risiko birgt, ihn als den Hauptverantwortlichen der sportlichen Misere erscheinen zu lassen, zumal auch noch der Trainer bestimmte Präferenzen bei Alter und Position äußert, das zu spielende System einen anderen Stürmertypen erfordert, ein Umbau der Aufstellung ein höheres Risiko mit sich bringt, und dazu der Trainer sich auch an Parametern orientiert, die eher aus Bereichen der Fanbase kommen, als aus Kreisen der Scouts.

Ein geübter Scout sieht, ob ein Spieler Talent hat oder nicht. Manchmal stehen die Scouts schon mit 12 bis 14jährigen Spielern im ersten Kontakt, versuchen einen Verein zu finden, nicht selten verlassen Jugendspieler mit 16 ihren Verein, um bei den besten Leistungszentren sich mit anderen Toptalenten zu messen. Ein Spieler aus einem Leistungszentrum ist in Technik und Taktik geschult, und hat manchmal sogar Jugendpreise gewonnen. Timo Werner hat zwei der höchsten Mediallen in seiner Jugend erhalten, als bester Einzelspieler seines Jahrgangs, ein absolutes Gütesiegel, dazu Preise im Vereinsfussball am laufenden Band. Das einzige, was ihm nachgesagt wurde, dass er sich auf eben dieser Position beim FC Chelsea, die der damalige Trainer Tuchel für ihn auswählte, für die Chelsea Fans nicht unsterblich spielen konnte.

Vielleicht ärgert ihn das. Es wäre interessant gewesen, beim HSV ihn auf eine solche Position zu stellen, wie damals bei Chelsea, und zu schauen, ob er es vielleicht im dritten Anlauf schafft. Die Manager beim HSV, und der Trainer, wollten es nicht versuchen. Sie griffen lieber auf einen Ergänzungsspieler aus der 2. englischen Liga zurück, und auf einen Stürmer, der in der Premier League gegen den Abstieg spielte, ehe er in die französische Liga wechselte, um dort in die Serie A, die italienische Liga, verliehen zu werden. Nun also beim HSV. Dem Management kann man ja bei solchen Vereinsnamen keinen Vorwurf machen. Da der Spieler noch nicht bekannt genug ist, also ein unbeschriebenes Blatt, können Probleme gar nicht mit früheren Situationen des Spielers verglichen werden, man wird nach der Saison sich entweder den Spieler holen, für 8 Mio. Euro, oder eben nicht. Ein Vertragsangebot zu machen, das über 3 Jahre geht, war man nicht bereit, bei einer solch schwierigen Situation in der Kaderplanung. Das Risiko war dem Verein zu groß.

Meine These lautet demnach, dass man bei einer solchen Situation, nach einem Aufstieg aus Liga 2 in Liga 1, nicht in die absolute Verantwortung gehen wollte. Man suchte zwar mehr als „ein Alibi“, aber es muss auch als Alibi halten. Die Einchätzung, Timo Werner sei nicht schnell genug oder nicht mehr torgefährlich, ist falsch. Im Gegenteil: In der jetzigen Situation, wo die Anzahl und Auswahl Stürmer zur Winterpause begrenzt ist (war), war Timo Werner das Glückslos, das man hätte ziehen können. Stattdessen entschied man sich für eine weniger polarisierende Option. Für einen der größten Fussballer Deutschlands tut es mir leid, und man darf sicher sein, dass dies beim Spieler, der mit seiner Frau eigentlich nicht zu einem Verein in die USA wechseln wollte, eine große Enttäuschung hinterließ, die man auch nicht wieder gut machen kann. Dieses Land hat Timo Werner den Laufpass gegeben, sein Schicksal als Sportler war der Bundesliga egal. Geführt oder beigetragen hat dazu Newrotic, nicht ein Risiko eingehen zu wollen, das hätte belohnt werden können. Stattdessen wird Timo Werner seine Karriere vmtl. ohne deutsche Mannschaftskollegen feinern und sich anschließend im amerikanischen Sport-Management eine Ausbildung zum Sportmanager absolvieren und nie wieder deutschen Boden betreten, ohne daran zu denken, wie man mit ihm in dem letzten Jahr seiner Karriere umging, und als Mensch ‚entsorgte‘.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert